Mentor oder Freund: Schaffe Dir Erlebnis- und Reflexionsräume!

Philippe begegnet in der charmanten und berührenden Komödie „Ziemlich beste Freunde“ einem ganz ungewöhnlichen Mentor, der ihm die Lust am Leben wieder vor Augen führt und erleben lässt: dem gerade aus der Haft entlassenen, ungehobelten und empathie-reduzierten Driss. Er wird wider Willen Pfleger des vom Hals an abwärts gelähmten Philippe und schert sich der ernsthaften, schmerzlichen und traurigen Lage zum Trotz nicht darum, Philippe mit Samthandschuhen oder Mitleid anzupacken. Genau das tut Philippe gut. Er beginnt, sich auf die verrücktesten Abenteuer mit Driss einzulassen. Sie tricksen die Polizei mit völlig überhöhter Geschwindigkeit im Maserati sitzend aus, indem sie einen akuten Anfall vortäuschen – woraufhin sie auch noch durch die Straßen von Paris eskortiert werden.

Driss tanzt zu „Kool & The Gang“ und Philippe hört Chopin. Sie öffnen sich gegenseitig Horizonte und werden mehrfach in ihren Überzeugungen durchgerüttelt. Der Junge aus der Vorstadt dreht dem eleganten Mann, der sich wie ein gefrorenes Steak fühlt, das man in eine heiße Pfanne wirft, einen schmerzlindernden Joint. Und der im Rollstuhl sitzende Klassik-Liebhaber nimmt den großmauligen Brillant-Ohrring-Träger mit in eine vierstündige Oper, in der „ein Baum singt“! Die sprühende Lebensfreude der beiden Männer wirkt mitreißend und eines wird klar: Freundschaft kann ungewöhnlicher nicht sein. Im Grunde lehren sie sich gegenseitig, was es bedeutet, sich einem Menschen zu öffnen, in die Lebenswelt des anderen einzutauchen, sich von einer vollkommen anderen Sichtweise inspirieren zu lassen – und was es bedeutet, trotz Widrigkeiten die Lust am Leben gemeinsam zu entdecken.

Der Resilienzfaktor Nr. 1 sind soziale Beziehungen, die uns Rückhalt geben und RÜCKZUGSRÄUME als Stress-Pause ermöglichen. Die Kür sind Beziehungen, die darüber hinaus auch noch Reflexionsräume öffnen, um über Erlebnisse, neue (Bewältigungs-)Ideen, schmerzhafte Momente, unsichere Gefühle, verrückte Pläne und alles, was uns bewegt, reden zu können. Diese Menschen wirken auf uns wie RESONANZRÄUME, die zulassen, fragen, zuhören, uns so sein lassen, wie wir gerade sind – bedingungslos oder bedingungsarm. Vielleicht verstärken oder vermindern sie unsere Emotionen, je nach dem was gerade hilfreich ist. Vielleicht sind sie auch eine Art Kraft-Quelle oder INSPIRATIONS-Quelle. Und manchmal sind es kleine, flüchtige Begegnungen, die genauso wirkungsvoll sein können wie lange, gemeinsame Stunden. Möglicherweise haben diese Menschen auch nur eine kleine, aber für uns in diesem Moment bedeutende, Aufgabe. Wie zum Beispiel, dass sie uns einfach immer mal wieder anrufen und mit dem „Leben da draußen“ VERBINDEN. Manche HELDENwege sind nämlich ziemlich langwierig und zäh. Die Welt scheint einem in diesen Momenten anders, wie eingefärbt von den vorherrschenden Erlebnissen. Da hilft es, ab und zu zu wissen, dass es noch etwas anderes gibt als das unmittelbare Verstrickt-sein in die eigenen Gedanken.

In den Mythen gibt es den Archetyp des „MENTORs“, der dafür steht, den Kampf zwischen dem Ruf (dem Unstimmigkeitsgefühl oder Hingezogen-sein zu etwas anderem) und der Schwelle zu diesem unbekannten Neuen auflöst, indem er den HELD mit Blick auf die Schwelle ausrichtet. Der Mentor interessiert sich für die ENTWICKLUNG des HELDEN und er steht ihm WOHLWOLLEND bei. Auch er kann es sein, der uns diesen wesentlichen Reflexionsraum gibt. Vielleicht ist es aber auch ein Kind, eine Schwester oder ein Bruder, eine Elternfigur oder ein Lehrmeister, die beste Freundin oder der beste Kumpel. Oder, wie in „Ziemlich beste Freunde“, die Begegnung mit einem schrägen Typen, der es geschafft hat, diesen trostlosen Mann wieder ins Leben zu holen.

Manche Mentoren begegnen einem, wie in diesem wunderbaren Film einfach auf dem Weg – zufällig. Dann kommt es uns schicksalshaft vor und wir brauchen lediglich zuzugreifen. Andere Menschen müssen und dürfen wir FRAGEN. Hier gilt, wie so oft: EIGENINITIATIVE ist gefragt! Dafür braucht es die kleine ÜBERWINDUNG, sie in die momentane Lebenslage EINZUWEIHEN und sie einfach zu fragen, ob sie ab und zu ein offenes Ohr für uns haben. Daraus können erstaunliche Vertrauensverhältnisse entstehen. Denn Menschen lieben es, für andere da zu sein, ihnen hilfreich zu sein, sie zu begleiten. So altruistisch es auf den ersten Blick daher kommen mag – letztlich sind das auch GLÜCKSGEFÜHLE für den, der gefragt wird, der dann mit reflektiert, sich zugehörig fühlt und wichtig geworden ist in unserem Leben.